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Bernhard Kucken & Sabine Odensaß: transluzent

Auszug aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung transluzent:

Es ist die in Köln geborene Sabine Odensaß, die ihr Studium der Malerei an der Fachhochschule Köln für Kunst & Design 1984 als Meisterschülerin bei Professor Franz Dank abschloss. Aus der damaligen noch figurativen Malerei entwickelte sich mit der Zeit eine neue reduzierte Formensprache, wobei ab 2000 die Farbe immer mehr in den Vordergrund ihrer Bilder rückt. Heute lebt und arbeitet Sabine Odensaß in Pulheim bei Köln.

Bernhard Kucken, in Düsseldorf geboren, studierte Kunst an der Pädagogischen Hochschule Neuss. Seit 1985 ist er freischaffend tätig in den Bereichen Bildhauerei, Malerei und Grafik. Zu seiner Tätigkeit als Zeichenlehrer kamen ab 1995 Lehraufträge an der Bauhaus-Universität Weimar, an der er dann von 1998 bis 2003 als Bildhauer und Maler unterrichtete. Seit 2003 ist er als Dozent an der Kunstakademie Düsseldorf tätig.

In einem Gespräch entstand der Titel der Ausstellung transluzent, ein Begriff, der in der deutschen Alltagssprache nicht so geläufig ist wie das Wort transparent, das eine vollständige Lichtdurchlässigkeit meint. Transluzent wird abgeleitet vom lateinischen Wort lux für Licht. Wachs, die menschliche Haut, Blätter und viele andere Stoffe sind transluzent, da sie nur teilweise Licht durchlassen.

Der 1903 in Den Haag geborene Maler Egon von Vietinghoff widmete sich der traditionellen europäischen Öl-Harz-Maltechnik und formulierte unter dem Begriff „Visionäre Malerei“ eine auf Transzendenz ausgerichtete Sicht und Wiedergabe der Dinge. Seine Ergebnisse veröffentlichte er in seinem Buch „Schule reinen Schauens“. In 35 Jahren rekonstruierte er autodidaktisch, experimentell und systematisch die mehrschichtige Öl-Harz-Malerei. Zur Untermalung setzte er Tempera ein, ein Malfarbe, deren Pigmente mit einem Bindemittel aus einer Wasser-Öl-Emulsion gebunden werden. In seinem Handbuch definiert Vietinghoff aus der Sicht eines Malers die Transparenz bzw. Transluzenz von Farben für die traditionelle Maltechnik mit Lasuren: Flüssige Farbaufträge, opak, halbdeckend oder transparent, reflektieren das einfallende Licht auf mehreren Ebenen, so dass Tiefenwirkung und Farbdifferenzierungen entstehen. Die erzielte Plastizität entsteht aus der Farbe selbst.

Kunst setzt wie bekannt das Können voraus.

Dieses Können sehen und erkennen wir in den Arbeiten der Künstlerin Sabine Odensaß. Die Farbe wird in dünnen Schichten auf die Leinwand aufgetragen. Während des Arbeitsprozesses beginnt die Farbe zu fließen und hinterlässt Spuren. Je nach Beschaffenheit der Pigmente, des Bindemittels aber auch des Farbträgers entstehen Strukturen und zarte Liniengeflechte, die die Lichtempfindlichkeit und Differenziertheit der Farben intensivieren. Es entstehen malerische Strukturen, die in ihrem Fluss und ihrer Transparenz eine Stofflichkeit von Farbe imaginieren, die gleichzeitig dicht und transparent erscheint, also transluzent. Das Licht scheint von hinten nach vorn zu dringen. Die Farbfelder, aus unzähligen Pigmentablagerungen entstanden, scheinen zu vibrieren. Je nach Blickwinkel und Abstand des Betrachters verändert sich das Farbgefüge.

Durch die Abfolge der Schichten, die Intensität der Mischungen und den Ablauf der Malerei als Prozess entsteht eine einzigartige Bildkomposition. Die Gemälde sind jedoch keine Naturabstraktionen und  auch keine abstrakten „Landschaften“, sondern autonome künstlerische Gebilde, die Assoziationen und Erinnerungen beim Betrachter hervorrufen.

Parallel dazu sind Farbobjekte entstanden. Aufwendig bemalte Papiere werden geknickt, geknüllt, „in Form“ gebracht und so zu dreidimensionaler Malerei.

Bei ihren zeichnerischen Werken sind es i.d.R. meist Kohle, weiße und schwarze Kreiden, gelegentlich auch Tusche und Acrylfarbe, die sie für ihre Papierarbeiten benutzt. In einem intuitiven Herangehen füllt sie das Papier mit Strichsetzungen, die sie zum Teil wieder verwischt und mit weiteren Strichlagen überdeckt. Vertikale und horizontale Raster werden durch diagonale Schraffierungen unterbrochen. Durch weiße Kreide entstehen Lichtfelder. Aufgrund der Überlagerungen und Verwischungen entsteht auch hier ein vibrierendes Helldunkel, ein scheinbar transluzentes Bild.

Bei Bernhard Kucken zeigt sich eine andere Art der Transluzenz. Obwohl oder gerade weil seine verwendeten Materialien selber nicht transluzent sind, beschäftigt sich Kucken mit dem, was unter der Oberfläche verborgen ist und vielleicht erst auf den zweiten Blick durchscheint. Da sein Interesse sich vor allem auf Menschen richtet, öffnet sich zum formalen auch ein weites inhaltliches Spielfeld.

Nehmen wir die Freiheitsstatue, hier mit ihren 1,82 m Höhe ohne Sockel schon imposant in Bezug auf den Raum. Sie ist das Symbol für die Freiheit schlechthin. Als erste Frage: was verbirgt sich hinter dem Begriff Freiheit.

Freiheit wird in der Regel – um es einfach auszudrücken – verstanden als die Möglichkeit, ohne Zwang zwischen allen vorhandenen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können. Aber reicht das allein?  Nach Emanuel Kant ist eine Wahlfreiheit nicht notwendig, denn nach ihm setzt Freiheit Vernunft voraus, wodurch der Mensch in der Lage ist, das Gute – bzw. das Richtige – zu erkennen und sein eigenes Verhalten daran pflichtgemäß auszurichten. Da nach Kant nur der sich moralisch verhaltende Mensch frei ist, sind „freies Handeln“ und „moralisches Handeln“ Synonyme. Aber wenn das alles so einfach wäre, würden wir noch im Paradies leben.

Die Statue of Liberty von Bernhard Kucken zeigt drei verborgene Gesichter mit unterschiedlichen Gesichtszügen hinter einem scheinbar dünnen Schleier. Ein genaues Hinsehen ist notwendig, was erst einmal nicht so einfach ist, denn die Statue steht auf einem hohen Podest. Verlieren wir die Freiheit aus den Augen oder verehren wir sie als etwas Unerreichbares? Sind wir nicht im Augenblick dabei unsere Freiheit gegen Sicherheitsverordnungen und Gesetze aufzugeben?

Auch seine anderen Plastiken nehmen häufig nicht nur Bezug auf die ihm erscheinende Welt, sondern beziehen reale Fundstücke direkt mit ein. Dabei benutzt Bernhard Kucken das weite Feld der Kunstgeschichte. Seine bildnerischen Zitate aus Werken bekannter Künstler wie Leonardo da Vinci, Michelangelo, Immendorf, Gerhard Richter u.a., lösen im Betrachter immer wieder den uns wohl allen bekannten “Das kenn’ ich doch irgendwoher!”-Effekt aus.

Die Arbeiten Bernhard Kuckens sind jedoch nicht unbedingt als eine Hommage an den Künstler zu verstehen, sondern eher als kritische Kommentare oder als ein ironisches Augenzwinkern, mit der Erkenntnis, dass in der Auseinandersetzung mit dem Vergangenen in der Kunst nicht nur immer wieder Neues entsteht, sondern auch alles irgendwann und irgendwie wiederkommt.

Seinen Kunstwerken liegen oft auch eigene Erlebnisse und Geschichten zugrunde, die ich aber hier nicht alle wiedergeben werde. Erwähnen möchte ich nur diese. Als Bernard Kucken als Student Joseph Beuys zum ersten Mal traf, hatten sie eine hitzige Diskussion. Es ging um das Verhältnis Beuys zum Kunstmarkt und seinen Verkäufen – die berühmte Beuys-Gleichung „Kunst = Kapital“. … Was letztlich als Bild in Erinnerung blieb, war dieses Lächeln von Beuys, das er dann geknetet, d.h. modelliert hat. Und jetzt kann sich ein jeder einen Beuys leisten, denn dieser Kopf mit dem Lächeln kann käuflich erworben werden.

Presse: http://www.derwesten.de/staedte/velbert/zwei-kuenstler-gehen-unter-die-oberflaeche-aimp-id10587895.html