Dagmar Vogt:

vom 31. März bis 12. Mai

„Die Aufgabe des Künstlers besteht darin, das darzustellen, was zwischen dem Objekt und dem Künstler steht, nämlich die Schönheit der Atmosphäre, das Unmögliche.“  Diese Worte stammen von  Claude Monet, einem der bedeutendsten französischen Impressionisten.

Diese Richtung in der Kunst des späten 19. Jahrhunderts wendete sich zwar der Umwelt zu, wollte sie aber nicht objektiv darstellen. Im Vordergrund standen die Beobachtung und Wirkung auf das Innere des einzelnen Menschen. Eindrücke sollten möglichst differenziert wiedergegeben werden. Die Farbe wurde entgegen der damaligen akademischen Lehrmeinung zum primären Gestaltungsmittel erhoben. Die zeichnerischen Elemente traten in den Hintergrund.

Das Bild mit seinen offenen Formen soll den Betrachter zu eigenen Sehleistungen motivieren. Es sind die Empfindungen, die in der Auseinandersetzung mit dem Bild entstehen, die je nach Person, Ort und Stimmungslage unterschiedlich sind. Damit verliert das einzelne Bild seine allgemein gültige Aussage und seinen belehrendem Charakter. Der Impressionismus zählt als Wegbereiter der Moderne, ist aber noch heute allgegenwärtig in der Malerei.

In der Kunstzeitung, Ausgabe März 2019, sieht der gebürtige Berliner Christopher Lehmpfuhl, Jahrgang 1972, seine Vorbilder in den französischen und deutschen Impressionisten. Er versucht, „eine zeitgenössische Form des Impressionismus zu entwickeln“. „Es ist Quatsch“, so der 46 jährige Künstler, „das Rad neu erfinden zu wollen“. Man müsse machen, wozu man Lust habe. Sich an guten Leuten zu orientieren, sei „hilfreich“ und stünde seiner eigenen Sprache nicht entgegen. Eine Auffassung, die schon recht alt ist.

Die Auseinandersetzung mit Formen, Licht und Farben ist auch das Thema der Künstlerin Dagmar Vogt. Ihre Malerei bewegt sich zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Warme, kalte, überwiegend aber harmonische Farbnuancen ziehen das menschliche Auge an und wecken die Neugier und damit die Phantasie.

Ihre Werkgruppen, die unter einem gemeinsamen Arbeitstitel zusammengefasst werden, sind Naturthemen, kurze poetische Naturbeschreibungen und Naturphänomene. Hier in der Galerie sind Seenlandschaften und Wälder zu sehen.

In die Stille des Ateliers zurückgezogen entsteht intuitiv das Werk und später die dazugehörige Themengruppe: „Gänzlich zielgerichtet arbeite ich allerding nicht. Zwischendurch muss ich immer mal wieder frei experimentieren, um neue Ideen zu entwickeln“, so Dagmar Vogt.

Experimentieren bedeutet mit verschiedenen Materialien arbeiten: Aus Papier, Sand, pastos aufgetragenen Farben und Pigmenten     entstehen Farbschichten und Unebenheiten, die dem Werk einen  reliefartigen Charakter verleihen.

Aber auch der Akt der Zerstörung eines nicht zufriedenstellenden Werkes kann das Resultat des Experimentes, bzw. der Arbeit sein.  „Es gibt Bilder“, so Dagmar Vogt, „mit denen ich lange kämpfe, während andere schnell fertig werden. Manchmal kann ich selber nicht klar sagen, ob ein Bild fertig ist oder nicht. Oft bin ich verzweifelt, weil ich meine etwas zerstört zu haben, aber auch wütend, weil ich im Prozess nicht weiterkomme. Erst wenn ich längerfristig zufrieden bin, verändere ich nichts mehr.“

Christoph Kohl, Kurator des Märkischen Museum Witten, schrieb dazu 2013: „Das gegenständliche Element scheint aus dem abstrakten unendlich wirkenden Bildraum hervorzugehen, oder ist in Begriff in ihn über zu gehen, um mit ihm eins zu werden. Vorwiegend thematisieren die poetischen Bildwelten somit den Vorgang der Metamorphose. Der oben beschriebene Erschaffungsprozess der Künstlerin, der auch die Zerstörung beinhaltet, kann demnach auch als weltanschauliches und philosophisches Grundgerüst zum Verständnis der Arbeit Dagmar Vogts herangezogen werden.“

Ihre Werke basieren auf der Erkenntnis, dass alles Entstandene aus bereits Vergangenem hervorgegangen ist. Sie erörtern das Verhältnis und die Abhängigkeit von Mensch und Natur sowie Zeit und Raum im übergeordneten Sinne. Ihre Arbeiten beinhalten aber auch die Botschaft, dass der Zusammenhang allen Lebens ein großes Geheimnis ist, das, bei allen Bemühungen der Naturwissenschaft und Religion, nicht endgültig aufgedeckt werden kann. Ihr Werk bejaht die Schönheit und Einzigartigkeit, die diesem Geheimnis inne wohnt.

Bei der Schaffung ihrer Skulpturen ist ihre Vorgehensweise ähnlich. Es sind neben skulpturalen Experimenten Tiere und Menschen. Bei den Menschen ist es hauptsächlich der weibliche Akt, denen durch Form und strukturiertes Aussehen und Arbeitsweise Ausdruck verliehen wird. Wichtig ist auch hier das Arbeiten und Ausprobieren mit unterschiedlichen Materialien. Hier zu sehen sind allerdings nur figurative Arbeiten aus Bronze und zwei so genannte „Nester“.

Ihrer künstlerischen Ausbildung an der Hochschule in Dortmund bei Prof. Kampmann und Prof. Schubert folgte die akademische Ausbildung in der Malerei bei Prof. Markus Lüpertz und in Bildhauerei bei Mathias Lanfar, Meisterschüler von Tony Cragg. Erst kürzlich, 2017, erhielt sie den RhinePrize Bonn in der Kategorie künstlerische Arbeit im Außenraum und 2018 den Wilhelm-Morgner-Simplizissimus-Kunstpreis sowie den Kitz-Award 1. Preis für die Bronze „Die Springerin“.

Bei ihren freien Skulpturen ist die Brechung von Realitäten, die Veränderung und Neuinterpretation des Themas von großer Bedeutung. Gemeint sind die „Nester“. Darin verbindet sich die herkömmliche Vorstellung von dem „Begriff“ Nest“ mit ihren eigenen Visionen und dem spontanen Prozess der Formenbildung. Die lebendig wirkenden Skulpturen, einem Gewächs ähnlich, präsentieren sich in einer besonderen Ästhetik. Bewusst wird das Metall als wichtiges Element eingesetzt. Es sind wie gesagt nur zwei ihrer Nester hier in der Galerie zu sehen. Aber es gibt noch einige verschiedene Versionen.

Das Nest steht als Metapher für Geburt, Anfang und Geborgenheit, aber auch für die beim Menschen vorhandene Sehnsucht nach Abgrenzung und Ordnung. Aber die Nester hier sind stachelig und zeigen alles andere als geordnete Geborgenheit. Eigentlich das wahre Leben, das viele Ecken und Spitzen hat, die das Leben als Leben ausmachen und den Weg bestimmen, die ewige Sehnsucht nach Harmonie und Geborgenheit mit einbezogen.

Sieht man die Arbeiten in Bronze, Tiere oder Menschen, denkt man zuerst an die klassischen Werke bedeutender Künstler. Aber bei näherer Betrachtung zeigt sich auch hier das Spiel mit dem Material. Die Oberflächen sind reliefartig gearbeitet und zum Teil patiniert. Die Skulpturen erfahren dadurch eine besondere expressive Dynamik, wie bei dem schreitenden Adler, dem aufmerksamen Hasen und dem „Denker“ in der Abbildung eines Schimpansen. …

Doris Stevermüer